einfach machen
»Was war das Beste an diesem Jahr?«, fragt Elke, die Gartenredakteurin, beim Mittagessen.
»Dass es nicht um so Sachen wie „das Beste“ und „das Schlechteste“ ging«, sage ich.
»Dass ich machen konnte, was ich wollte, ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Dass es bei aller Anstrengung wahnsinnig verspielt war. Und voller Aha-Momente.«
»Ach so? Was hast du denn gelernt?«
»Respekt vor Karotten«, sage ich. »Dass die so lange zum Wachsen brauchen, hatte ich nicht gewusst. Ein halbes Jahr bis zur Ernte! Nie wieder werde ich eine Karotte achtlos vertrocknen lassen und wegwerfen, das ist ja pures Gold.
« Sie lacht. »Und sonst?«
Ich muss ein bisschen überlegen.
»Geborgenheit. Vertrauen. Das Gefühl: Das wird schon. Das klappt schon. Und wenn dies nicht klappt, dann klappt was anderes. Das Denken in größeren Dimensionen. Wie sieht der Garten in fünf Jahren aus? Wie hoch ist der Baum in zehn Jahren? Es hat mich bisher nie interessiert, so weit in die Zukunft zu denken, jetzt tue ich fast nichts anderes mehr.«
Elke erzählt von einer Gärtnerin, die sie in diesem Jahr beeindruckt hat: die Äbtissin eines kleinen Klosters im Hirschberger Tal, in den polnischen Sudeten. Nicht, weil sie einen so grandiosen Klostergarten betreibt, eher im Gegenteil.
»Da sind nur ein paar Beete zwischen sehr viel Geröll, ein paar Reihen mit Blumen und Gemüse. Die Frau hat weder die Zeit noch die Mittel, sich richtig darum zu kümmern, und jedes Jahr werden die Beete von Unkraut überwuchert. Und jedes Jahr fängt sie wieder von vorn an. Diese stetige kleine unverdrossene Arbeit, genau darum geht es doch.«
»Einfach machen?«, frage ich.
»Einfach machen.«
aus: Meike Winnemuth, Bin im Garten S.303 Penguin Verlag 2019